Verschollen ist nicht Verloren: Interview mit Nils Peter Sieger, dem Gründer und Finanzier von Arqueonautas

Der bekannte Reiseschriftsteller, Kinderbuchautor und Publizist Peter Reinhold, der seit kurzem mit seiner brasilianischen Frau Fátima in Lissabon wohnt, interviewt Nils Peter Sieger aus Estoril. Selber oft abenteuerlich unterwegs in ca. 80 Ländern, zuletzt 10 Jahre in Brasilien zuhause, musste es irgendwann zur Begegnung mit diesem Mann kommen, der in seiner Wahlheimat Portugal schon gern einmal beim Kamingespräch sein bisher aufregendes Lebens revuepassieren lässt.

PR: Herr Sieger – darf ich Sie als Freund mit ähnlich interessanter Vergangenheit der Einfachheit halber duzen?

NPS: Nur zu, lieber Peter.

PR: Also, lieber Nils Peter, dein Lebenslauf liest sich so spannend, wie man es vom Ambiente entnehmen kann, das uns in deinem Haus in Estoril umgibt. Seit wann wohnst du hier?

NPS: Als selbständiger Unternehmer pendel ich seit über 45 Jahren zwischen meinem Heimatort Blankenese bei Hamburg und Estoril.

PR: Aber doch nicht nur auf dieser Route zwischen Deutschland und Portugal?

NPS: Oh nein, wie du meinem Lebenslauf ja bereits entnommen hast, gibt es eine ganze Reihe von Ländern, die mehr als nur farbige Konturen in mein Lebensbuch gezeichnet haben: Saudi Arabien zum Beispiel und der Sudan, Haiti, Panama und Venezuela, abgesehen von all den anderen Destinationen in Europa wie Monaco, Spanien und natürlich den Ländern portugiesischer Sprache.

PR: Vor allem als Mitglied des weltweiten Hermann-Gmeiner Fonds, besser bekannt unter dem Namen „SOS – Kinderdörfer“.

NPS: Bestimmt eine Aufgabe, die mein Leben stark beeinflusst hat. Aber ausser dem Aufbau etlicher SOS-Kinderdörfer in aller Welt, was ja eine ehrenamtliche Arbeit war, musste ich als Unternehmer auch meine geschäftlichen Interessen wahrnehmen, was mich in viele Länder auf unserem Globus geführt hat.

PR: Was bist du nun eigentlich von Beruf? Was hast du studiert oder gelernt?

NPS: Ein ordentliches Studium habe ich nie absolviert, dafür eine ganz normale Banklehre bei einer Hamburger Privatbank.

PR: Das klingt noch nicht unbedingt nach Abenteuer.

NPS: In der Tat, aber warte es ab. Etwas später habe ich an einem Marine-Offiziers-Lehrgang in der Kaiserlichen Marine-Schule Mürwick bei Flensburg teilgenommen und es dort immerhin bis zum Oberleutnant d.R. gebracht.

PR: Und bist dann auf diesem Weg in Portugal hängengeblieben?

NPS: Keineswegs. Als ich 20 Jahre alt war, hatte ich mein Bankkaufmanns-Diplom der Hamburger Handelskammer in der Tasche und jobte zunächst als Kofferträger im „Hotel Marseille“ auf Mallorca. Per Anhalter gelangte ich dann via Barcelona und Madrid nach Lissabon. Hier stellte mich ein deutscher Antiquar als seine „Putzfrau“ ein, womit sich mein Unterhalt in einem bescheidenen Zimmer in der Rua das Taipas im Bairro Alto bestreiten liess.

PR: Das klingt nach der legendären Story „Vom Tellerwäscher zum Millionär“.

NPS: (lacht): du bist zwar auf der richtigen Fährte, Peter, wobei mir allerdings nur die Teller anstatt der Millionen geblieben sind.

PR: Erzähl´, wie ging es weiter?

NPS: Ein Kunde meines Brötchengebers, besagten Antiquars, war ein Direktor der Banco Espirito Santo, der deutsch sprach. Als ich ihm sagte, ich hätte zwar bei einer Privatbank gelernt, würde aber lieber im schönen Lissabon bleiben anstatt zur Bank ins kalte Hamburg zurückzukehren, machte er mir ein Geschenk: er liess mir einen Anzug schneidern – wichtiges äusseres Kennzeichen eines korrekten Bankangestellten, als den er mich einstellte. Abends gab ich Deutsch-Unterricht und begann diese Stadt und das Land zu lieben. Im Sportclub Benfica spielte ich in der Ersten Mannschaft Tischtennis, im Club Naval Cascais machte ich meinen Segelschein.

PR: Was sagte eigentlich dein Herr Papa zur etwas abwegigen Entwicklung seines Sohnes Nils Peter? Er war immerhin ein Dr. Phil.

NPS: Oh je, meine Eltern sowie meine vier Geschwister waren besorgt, ganz besonders mein Vater, als Akademiker, Meteorologe in Berlin-Tempelhof, später in Hamburg-Fuhlsbüttel. Der sah die Entwicklung seines Sohnes mit aufrichtigem Bedauern.

PR: Eigentlich wollte ich mit dir ja ein Interview über euer Unternehmen „Arqueonautas S.A.“ führen. Und wenn ich die vielen tollen Schiffsmodelle allein um deinen gemütlichen Kamin herum betrachte, hege ich die stille Hoffnung, noch auf dieses reizvolle Thema zu stossen.

NPS: Sorry, Peter, aber sogleich nehmen wir Kurs auf in diese Richtung: Im Jahr 1961 hatten 10 deutsche Studenten, die den französischen Thunfisch-Kutter „Prosper“ für ihren Eigner nach Elba überführen sollten, in der Marina von Cascais einen kleinen Unfall. Dabei machte ich die Bekanntschaft einiger interessanter junger Männer: eines, der heute als Jurist die BES in Deutschland vertritt, ein anderer blieb in Portugal und betreibt ein Weingut im Alentejo. Ein dritter schliesslich, der Dieter Kleinschmidt, studierte Architektur, was uns später geschäftlich eng miteinander verbinden sollte.

PR: Mit ihm hast du doch später die Finurba gegründet.

NPS: Richtig, meine Finurba ist heute 40 Jahre alt und vertritt nach wie vor deutsche Interessen in Portugal.

PR: Wo ist eigentlich die „Prosper“, jener havarierte französische Thunfisch-Kutter, abgeblieben?

NPS: Ach, den versenkte ich später höchstpersönlich irgendwo bei den Klippen. Ich hatte ja als Marinheiro bei Comandante Fiuza in Cascais bereits meinen portugiesischen Segelschein gemacht, bin also offizieller portugiesischer Seemann. Und wie man weiss, ist noch kein Meister vom Himmel gefallen… Übrigens zücke ich auch heute noch gelegentlich diesen alten Ausweis, wenn ich zum Beispiel am Schalter der TAP vorgebe, „schnellstens als portugiesischer Seemann zurück auf mein Schiff im Lissaboner Hafen zu müssen“. Manchmal bekomme ich auf diese Weise sogar einen Diskont.

PR: Die Sehnsucht nach sich blähenden Segeln im Wind, die Lust auf die weite Welt, hier in deinem Heim dokumentiert mit soviel maritimem Flair, ist es das, was dich später in Länder wie Panama, Haiti, nach Santo Domingo verschlug?

NPS: Nein, meine Liebe zu Kindern und den „SOS-Kinderdörfern“, bei deren Aufbau in aller Welt ich gern mithalf, entspringt einer anderen Geschichte,…

PR: …die mit unserem heutigen Interview nichts zu tun hat.

NPS: Ganz genau, ich erzähle sie dir gern ein andermal.

PR: Stattdessen sollten wir auf die „Arqueonautas S.A.“ zu sprechen kommen.

NPS: Die ich in den 90er Jahren mit einigen Freunden hier in Estoril gegründet habe.

PR: Und die sich heute als weltweit bekannt gewordene „Gesellschaft mit archäologischen Unterwasser-Aktivitäten“ in Mozambique und Indonesien beschäftigt.

NPS: So ist es. Allerdings wurde „Arqueonautas“ ursprünglich von uns aus anderen Motiven gegründet. Und zwar, um dem damals in Portugal gültigen Gesetz entsprechend, in den hiesigen Hoheitsgewässern nach den wertvollen Ladungen versunkener, historisch wichtiger Schiffe zu suchen.

PR: Also ging es auf Schatzsuche.

NPS: Eigentlich nein, denn dieser in der Allgemeinheit zwar beliebte Begriff ist bei Wissenschaftlern zurecht verpönt. Der Begriff „Unterwasser-Archäologie“ trifft es da schon besser, worum es uns ging. Wir charterten also ein Schiff in Schottland, die „Northern Star“, heuerten 20 englische von der Kriegsmarine geschulte Profitaucher an, um die portugiesische Küste, die der Azoren und anderer portugiesischer Hoheitsgewässer nach möglichen gesunkenen Schiffswracks zu durchforschen.

PR: Das klingt einfach. So kann jedermann ins Wasser springen und einen versunkenen Schatz heben?

NPS: Beileibe nicht! Dem Gesetz zu Folge mussten eine Reihe festgeschriebener Details erfüllt werden, um mögliche Funde orten, heben, restaurieren und verkaufen zu dürfen. In erster Linie das Sichten historischer Dokumente in weltweiten Archiven, dafür gibt es Historiker. Dann das Tauchen, das Suchen, das Finden. Dann kommt die Dokumentation des Fundes in portugiesischer Sprache. Danach reicht man sämtliche Dokumente, Fotos, also Beweise, beim Kulturministerium in Lissabon ein, das eine spezielle Abteilung für diese neue Aktivität eingerichtet hat. Erst nach all diesem enormen zeitlichen wie finanziellen Aufwand sollte die Genehmigung für das Heben, die äusserst aufwendige Restaurierung sowie eine eventuell folgende Versteigerung über die bekannten Auktionshäuser wie Sothebys, Christies usw. erteilt werden.

PR: So konntet Ihr Verschollenes, auf ewig verloren Geglaubtes für die Nachwelt retten und erhalten?!

NPS: Soweit kam es leider nicht. Nachdem man im portugiesischen Kulturamt (IPAR) von unseren Aktivitäten, sowie drei ähnlich operierenden Unternehmen aus Amerika und Frankreich erfahren hatte und dadurch auf die Vielzahl möglicher Schätze aufmerksam wurde, die hier lagerten, änderte man kurzerhand das Gesetz. Alle Aktivitäten mussten sofort eingestellt werden, alles wurde uns unter Androhung hoher Strafen von einem Tag auf den anderen verboten.

PR: Und du gingst leer aus.

NPS: Wenn es das allein gewesen wäre. Doch wir hatten unsere gesamten Investitionen von einigen Millionen Dollar auf Grund gesetzt.

PR: Da war nichts mehr zu retten?

NPS: Ich wandt mich an den Anwalt Dr. Gomes da Silva, der dieses Gesetz entworfen hatte, und das vom Staatspräsidenten und seinem Ministerpräsidenten 1993 unterzeichnet wurde. Ich bat ihn inständig, mir juristisch beizustehen, um den grossen Verlust, den wir durch die portugiesische Regierung erlitten, zu kompensieren. Doch leider verfügte ich nicht mehr über die notwendigen finanziellen Mittel, um diesen Prozess gegen die Regierung führen zu können.

PR: Sodass ihr eure ganzen Ideen begraben, besser gesagt versenken musstet….

NPS: Das wollten wir unter allen Umständen verhindern. Die Firma, das Schiff, die Fachleute, das ganze Know-How, das wir bereits gewonnen hatten, das alles sollte irgendwie weiterleben. Also überlegten wir uns, wohin mit dem Schiff, den Tauchern und unserem ganzen Wissen und gingen schliesslich auf die Kapverden. Dort arbeiteten wir etwa 5 Jahre mit geringem Erfolg, obwohl es immerhin zu Versteigerungen bei Christies, Sothebys und einem anderen Auktionshaus in Kopenhagen kam.

PR: Mit geringem Erfolg? Warum gering?

NPS: Allerdings, weil die Einsätze fast alles verschlangen, was wir bei den Verkäufen einnehmen konnten.

PR: Trotz allem scheint die Firma „Arqueonautas“ aber heute auf der Sonnenseite angekommen zu sein.

NPS: Ja, glücklicherweise. Der Vetter meiner damaligen Verlobten, Nikolaus Graf Sandizell, seinerzeit Geschäftsführer einer Tochter von Ferrostaal in Portugal, nahm sich der neuen Aufgabe mit viel Elan an. Er ist heute der CEO der „Arqueonautas S.A.“ und brachte das Unternehmen inzwischen auf Weltniveau. Sodass sich heute sogar eine bekannte englische Privatbank ernsthaft für eine Zusammenarbeit mit uns interessiert.

PR: Neben Mozambique seid ihr auch in Indonesien aktiv?

NPS: Genau. Unser neues Engagement in Sumatra soll den Durchbruch für künftige finanzielle Erfolge erzielen. Bei Tauchvorgängen konnten bereits wertvolle Porzellan- Schätze aus der Ming-Dynastie entdeckt werden. Im Sommer kommenden Jahres geht es dann mit allen notwendigen Lizenzen in indonesischen Gewässern weiter. Wer da als Aktionär bei der „Aqueonautas“ mitmacht, wird sich wahrscheinlich auf lohnende Gewinne aus den nachfolgenden Versteigerungen freuen können.

PR: Ich könnte demnach auch als Aktionär bei „Aqueonautas“ meinen Einsatz abliefern, um am denkbaren Erfolg finanziell zu partizipieren?

NPS: Selbstverständlich! Da schlummert noch ein riesiges Potential. Nur sollte man auch nie das Risiko unterschätzen, das mit solchen Unternehmungen verbunden ist.

PR: Ich erlaube mir trotzdem an dieser Stelle deine Kontaktadresse anzugeben für jene, die gern bei „Aqueonautas“ mitmachen möchten: nilspetersieger@mail.telepac.pt sowie http://www.arq.de Auch lohnt sicherlich ein Besuch des Büros in Estoril,….

NPS: …das allein aufgrund seines Ambientes schon fast einem Marine-Museum gleicht.

PR: Was läuft in Mozambique?

NPS: Auf der Ilha de Mozambique, der ehemaligen Hauptstadt Mozambiques, haben wir unser technisches Headquarter, sogar ein kleines völkerkundliches Museum mit maritimen archäologischen Schätzen.

PR: Was war das letzte grössere Projekt?

NPS: Das war die Fregatte „São José“ von 1622, auf der ein Enkel von Vasco da Gama, der den Seeweg nach Indien entdeckt hatte, als kurz zuvor gekürter König von Goa mit all seinem Pomp und dem dazugehörigen Hofstaat unterwegs war. An Bord hatte er unter anderem 25.000 in Mexiko geprägte Silbermünzen, als er vor Mozambique angegriffen und mit seinem Schiff nebst allen Begleitschiffen sowie Mann und Maus versenkt wurde. Wir haben die meisten dieser wertvollen Silbermünzen bereits gefunden und restauriert. Dabei schätzen wir uns glücklich, auf das Know-How der Oxford University zurückgreifen zu dürfen, da wir mit dieser anerkannten Institution (Mare) einen Beratervertrag für Restaurationen abgeschlossen haben.

PR: Das ist wirklich alles weit komplizierter als man das auf den ersten Blick mit den Augen eines Laien erfasst. Wir alle haben ja als Jungen schon Bücher über Piraten gelesen, wir alle wollten immer die Schatzinsel entdecken, Truhen mit Goldmünzen finden und somit unfassbar reich werden. Bei dir, mein lieber Freund, ist es anscheinend nicht soweit gekommen?

NPS: Ach weisst du, der grosse Kolumbus sagte schon, „Geld mach einen Mann nicht wirklich reicher, es beschäftigt ihn nur mehr.“ Den Traum von der Schatzsuche habe ich mir mit meinen Freunden jedoch erfüllen können. Dafür musste ich allerdings mein Segelschiff, die „Monchique“, verkaufen.

PR: Aber deine hübsche Sammlung maritimer Antiquitäten, die hier überall in deinem Haus zu sehen sind, die sind doch gewiss auch schon ein Vermögen wert.

NPS: Ach nein, nicht wirklich. Das meiste stammt von Flohmärkten. Aber dekorativ sind diese Modelle alter Schiffe sowie die kleineren Messing- und Kupfergeräte allemal.

PR: Und dieses wunderbare Silber-Service?

NPS: Da hast du gerade das Wertvollste entdeckt, es ist komplett für 12 Personen, auf jedem Teil ist eine Schiffskordel, die das Messer, die Gabel, die Löffel umschliesst. Eigentlich gehört diese Sammlung ins Museum. Deshalb habe ich auch die Absicht, wenn ich noch älter werde, das alles eines Tages dem hiesigen Marine-Museum zur Verfügung zu stellen.

PR: Und wofür hast du die vielen Auszeichnungen erhalten, die in deinem Privatbüro die Wände schmücken?

NPS: Nicht für mein Hobby, über das wir uns gerade am Kamin unterhalten.

PR: Dann bestimmt für deinen unbezahlten und umso begeisterten Einsatz für die Waisenkinder, als Wegbegleiter Hermann Gmeiners, dem Gründer der „SOS-Kinderdörfer“.

NPS: Das stimmt, für meine jahrelange Tätigkeit als Leiter des „SOS-Kinderdorf Emergency Teams“ in der Karibik, in Lateinamerika und später in Spanien.

PR: Ein Thema, zu dem ich dich auch gern einmal interviewen würde. Wünsche bitte deiner Tochter und deinen Schweizer Enkelkindern ein besonders schönes Weihnachten von Fátima, meiner Frau, und von mir.

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Ein Gedanke zu „Verschollen ist nicht Verloren: Interview mit Nils Peter Sieger, dem Gründer und Finanzier von Arqueonautas

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