Ein Bubentraum wird zum Big Business: Die SonntagsZeitung über Nils Peter Sieger und seine Firma Arqueonautas

Die Zürcher SonntagsZeitung berichtet am 2.11.1997 über die neu gegründete Firma Arqueonautas von Nils Peter Sieger. „Von den 96 Schiffen, die wir auf den Kapverden bisher entdeckt haben, sind nur deren zehn historisch und finanziell interessant“, wird Nils Peter Sieger zitiert. „Schatzsucherei ist ein Glücksspiel wie Pferderennen“ sagt er. „Nur ist letzteres todlangweilig“.
Wir veröffentlichen den Artikel ungekürzt und zum Download.

Ein Bubentraum wird zum Big Business

Von Walter de Gregorio

LISSABON — Früher war es ein Hobby für Abenteurer, heute ist es ein professionelles Geschäft: Dank modernster Technik und risikofreudigen Investoren ist die Schatzsucherei zu einem boomenden Wirtschaftszweig geworden.

Das einzige, was Nils Peter Sieger von Afrika nach Hause brachte, war Hepatitis.

Das war 1974. Zwanzig Jahre später ging der erfolgreiche Immobilienhändler ein zweites Mal auf Schatzsuche. Er gründete eine Gesellschaft, engagierte Historiker und Taucher, investierte über drei Millionen Dollar. Immer noch nichts.

Nils Peter Sieger, ein in Portugal lebender Deutscher, ist der Prototyp des risikofreudigen, hartnäckigen Investors. Kein Seebär alten Schlags, kein kindlicher Abenteurer, kein verwegener Glücksritter. Sieger steht mit beiden Beinen auf dem Boden, ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, baut Häuser mit Fundament. Bis er abends zu träumen beginnt.

Wie Pilze schiessen professionelle Schatzsuchergesellschaften derzeit aus dem Boden. Sie heissen Arqueonautas wie Nils Peter Siegers Firma oder Marex, Nautik, Geomar, Atlantis. Es sind Aktiengesellschaften, und sie haben ein einziges Ziel: An die Oberfläche zu holen, was in den vergangenen fünfhundert Jahren in die Tiefe der Weltmeere verschwand — Gold, Silber, Juwelen.

Mit gutem Grund: Alleine in der Karibik liegen nach neuesten Schätzungen von Experten Preziosen im Wert von über 50 Milliarden Franken. Und auch in anderen Gegenden sorgten Hurrikane, Riffe und Piraten dafür, dass Schatztruhen im Meer verschwanden. Mindestens 570 Tonnen Gold sollen in den Hoheitsgewässern der einstigen Kolonialmacht Portugal ruhen, gar 8000 Tonnen in jenen Spaniens — das entspricht dreieinhalbmal der Goldreserve der Schweizer Nationalbank.

Die Unglücksstellen vieler Schiffe sind schon seit Jahren bekannt, doch war deren genaue Ortung und Bergung technisch bisher äusserst schwierig. Nicht selten liegen die Wracks mehrere hundert Meter tief, verstreut über riesige Flächen oder unter meterdicken Schlickschichten. 2000 Meter tief musste Tommy Thompson sei-nen Roboter tauchen lassen, bis er 1980 den Schatz der «SS Central America» bergen konnte. Und bis Burt Webber 1979 die 1641 gesunkene «Conception» und ihre Ladung von über 100 Tonnen Gold fand, hatte er Jahre gesucht.

Artikel der Zürcher SonntagsZeitung über Nils Peter Sieger und seine Arqueonautas 1997

Artikel der Zürcher SonntagsZeitung über Nils Peter Sieger und seine Arqueonautas 1997

Der Traum vom Zufallsfund wird praktisch immer ein Traum bleiben

Wer die Goldtruhe eines Henry Morgan oder Sir Franeis Drake knacken will, wer es auf die 1799 gesunkene «Lutine» oder die Schätze der portugiesischen «Cinque Chagas» abgesehen hat, muss einen langen Atem haben. Sensationsfunde wie jener der vier amerikanischen Sporttaucher jedenfalls. die vor Jahren in nur vier Meter Tiefe nahe Great Bahama Island Goldbarren im Wert von 12 Millionen Franken fanden, sind Zufälle.

In einer Hinsicht haben sich die Voraussetzungen mittlerweile aber radikal verändert. «Heute ist technisch fast alles möglich», sagt Reinhold Ostler, Präsident des internationalen Schatzsuchervereins AK., das erkläre den Boom. Die hochpräzisen Mess- und Ortungsgeräte und auch die anderen Werkzeuge, die heute auf dein Markt sind, lassen fast keinen Wunsch mehr offen. Vor allem aber sind sie vergleichsweise günstig zu haben. Von hochpräzisen Satelliten-Navigationssystemen, Sonar-Sichtgeräten und Magnetometern bis hin zu ferngesteuerten Unterwasserrobotern und Druckausgleichanzügen. die Tauchgänge bis 600 Meter erlauben, steht dem modernen Schatzsucher feines Werkzeug zu erschwinglichen Preisen zur Verfügung.

Doch High-Tech-Ausrüstung alleine genügt nicht. «Wir haben ein Projekt auf den Azoren abgebrochen, weil uns Portugal die Lizenz entzogen hat», sagt Nils Peter Sieger, der mittlerweile ein Exklusivrecht für die Kapverden hat. Die Schürfrechte, vor allem aber die Frage nach dem Verteilschlüssel eines Funds können langwierige Verhandlungen mit den betreffenden Staaten auslösen und nicht selten vor dem Richter enden. Erst als das Oberste Gericht der USA nach Jahren zugunsten von Tommy Thompson entschied, konnte dieser einen Grossteil des Schatzes an sich nehmen, den er aus der «SS Central America» geborgen hatte — immerhin mehrere 100 Millionen Dollar.

Heisst es. Denn genaue Zahlen fehlen. Oftmals entpuppen sich die Schatzschiffe als Wundertüten: Statt des vermeintlichen Milliardenschatzes erwartet den Taucher morsches Holz und wenig mehr. «Von den 96 Schiffen, die wir auf den Kapverden bisher entdeckt haben», sagt Sieger, «sind nur deren zehn historisch und finanziell interessant» Das entspricht etwa zwei bis drei Prozent, der in diesem Gebiet vorhandenen Wracks.

Oft hängt der Wert antiker Funde auch vorn Auktionserlös ab, wie Erwin Dietrich, Münzhändler in Zürich. sagt. «Es kann durchaus sein, dass weniger mehr ist.» Wenn plötzlich kistenweise Münzen herumgereicht werden, die als Rarität galten, sackt der Preis logischerweise zusammen.

Nicht selten werden auch absichtlich falsche Hoffnungen geweckt. Der Schatz wird aufgeteilt, bevor er noch gefunden wurde. Wer neue Geldgeber sucht, streut gezielt Falschmeldungen von Sensationsfunden in den Medien. «Fund raising» nennt sich diese Kunst, die der Norwegische Investor Morten Mo beherrscht, wie er jüngst bewies. Die Meldungen vom Milliardenschatz, der vor der Küste Ecuadors gefunden wurde, sorgten im März dieses Jahres weltweit für Schlagzeilen und liessen Mortens Aktien kurzfristig in die Höhe schnellen. In der legendären «Capitana» wurden bisher aber lediglich wenige Silbermünzen gefunden.

In einer Brunche, in der es um Märchenschätze geht, tummeln sich nicht weniger schrille Figuren als in den Piratennestern von einst. Nils Peter Sieger hat jedoch keine Angst, wegen seiner Abenteuerlust, als seriöser Unternehmer nicht mehr ernst genommen zu werden. «Ich würde meine Geschäftspartner im Immobilienbereich nie von einer solchen Investition zu überzeugen versuchen». sagt er. Ganz anders sei das bei der Schatzsucherei. Sieger verspricht seinen Aktionären eine Rendite von über 300 Prozent. Doch «Jeder weiss, worauf er sich einlässt.»

Bis zu 85 Prozent der Verluste können die Schatzsucher in den USA von den Steuern abziehen, müssen aber nur 20 Prozent -der Gewinne versteuern. «Das schafft einen Anreiz, in solche Unternehmen zu investieren», sagt Nigel Pickford, Arrtor verschiedener Schatzsucherbücher und renommierter Historiker. Aber das alleine könne die Faszination der Schatzsucherei nicht erklären, vor allem für jene, die das Ganze seriös betrieben.

«Die höchste Attraktion, ein Schatzschiff zu erforschen», sagt er, «liegt darin, dass es dem Individuum die Möglichkeit zu einem unmittelbaren und sehr mächtigen Eintauchen in eine andere historische Zeit bietet. Ein Wrack ist eine perfekt erhaltene Zeitkapsel.»

Das glaubt auch Nils Peter Sieger. Die Geschichten über Piraten und Goldschätze seien jedenfalls beliebte Gesellschaftsthemen. Die Leute seien fasziniert, sobald über versunkene Galeonen und Karavellen gesprochen werde. «Damit kann eine öde Party locker gerettet werden», sagt Nils Peter Sieger. Dass ihn sein Hobby teuer zu stehen kommt, stört ihn nicht. Was har er auch für eine Alternative?

„Schatzsucherei ist ein Glücksspiel wie Pferderennen» sagt Nils Peter Sieger «Nur ist letzteres lodlangweilig“.

Artikel der Zürcher SonntagsZeitung über Nils Peter Sieger und seine Arqueonautas 1997

Artikel der Zürcher SonntagsZeitung über Nils Peter Sieger und seine Arqueonautas 1997

Tonnenweise Gold, Silber und Edelsteine hegen noch im Meer

Drei der interessantesten und wertvoll-sten Schiffe, die noch zu bergen sind:

Las Ciiraque Chagas, ein portugiesischer Viermaster, sank 1594 auf dem Rückweg von Goa nach Lissabon südlich der Azoren, nachdem er von englischen Piraten angegriffen worden war. Über 1000 Personen, darunter viele betuchte Händler, befanden sich an Bord. Die «Cingue Chagas» galt als eines der Prachtstücke der Schiffsbaukunst. Neben Gold aus Indien, Indonesien und Mocambique hatte sie grosse Mengen an Rubinen, Perlen und Diamanten geladen. Der Wert der Preziosen wird heute auf rund 200 Millionen Franken geschätzt.

Lutine, ein britisches Frachtschiff, lief 1799 während der Fahrt von London nach Hamburg vor der holländischen Insel Terschelling auf eine Sandbank auf und sank in Minutenschnelle. Die Ladung bestand aus 1000 Gold- und 500 Silberbarren sowie 140 000 Pfund in Münzen. Das Edelmetall war deshalb besonders wertvoll, weil es während der Revolutionsjahre dringend in Deutschland gebraucht wurde, um dortige Banken vor dem Zusammenbruch zu retten. Die Ladung wird heute auf rund 100 Millionen Franken geschätzt. Verschiedene Bergungsversuche brachten bisher lediglich wenige Münzen und die Schiffsglocke ans Tageslicht, die seither in der Halle von Lloyds in London hängt. Bei jedem Schiffsunglück wird sie geläutet.

Grosvenor, ein britischer Ostindienfahrer, sank 1782 auf der Fahrt von Indien nach England an der Ostküste Südafrikas. Die Fregatte hatte eine riesige Diamantenladung an Bord sowie den Schatz von William Hosia, einem Offizier aus Ostindien. Die Briten hatten diese Reichtümer 1734 in Delhi gestohlen. Der versunkene Besitz von Hosia gilt als Rarität der Sonderklasse und könnte auf Auktionen bis zu einer halben Milliarde Franken lösen. Die Lage des Wracks ist bekannt, die Bergung jedoch sehr kostspielig und schwierig.

Für Sie zum Download: Der Artikel der Zürcher SonntagsZeitung vom 2.11.1997 [pdf]

Advertisements