Nils Peter Sieger über den Aufbau der spanischen SOS Kinderdorf-Organisation von 1979 – 1990

In seinen Erinnerungen beschreibt Nils Peter Sieger den Aufbau der spanischen SOS Kinderdorf-Organisation in den Jahren von 1979 bis 1990. Wir bringen das Kapitel in voller Länge und zum Download.

Die Entstehung des spanischen SOS Kinderdorf Dachverbandes aus meiner persönlichen Erinnerung

Von Nils Peter Sieger

Die folgende Geschichte ist eine kurze Zusammenfassung meiner Erinnerungen der Zeit des Aufbaus des SOS Kinderdorf Dachverbands in Spanien, zwischen 1979 und 1990. Die spanische Endfassung dieser Geschichte kann sich etwas ändern, aber ich fände es schade wenn all zu viel verloren ginge.

Es war im Jahre 1988-1989, als ich in Vertretung von KDi das Kinderdorf in Maracaibo – Venezuela einweihte und anschliesend zu einer “Emergency-Besprechung“ nach Innsbruck geladen wurde.

Hermann Gmeiner und ein Team von Mitarbeitern versammelten sich, um über die unzumutbaren Umstände der Kinderdörfer, “Tibidabo“ und “San Filu de Condinas“ zu berichten.

In Barcelona gab es seit Jahren einen SOS Kinderdorf Verein, der neben Tibidabo in einem Privathaus funktionierte, welches Frau Monserrat de Julia, einer Bekannten von Hermann Gmeiner und Gründerin des SOS KD in Catalunha, gehörte. Paralel war auch ein Kinderdorf in Vigo-Redondela gegründet worden, welches der Leitung von Frau Rita Regojo unterlag, Frau eines bekannten galizer Poilitikers und Mutter sieben Kinder.

Meine Aufgabe wurde mir von Hermann Gmeiner persönlich erteilt. Es galt einen Dachverband in Madrid zu gründen, der die beiden bereits bestehenden Institutionen integrierte. Es sollte eine neue demokratische Ordnung erstellt werden, die einem Dachverband untergeordent werden sollte: “SOS Kinderdorf de Espanhä“.

Nils Peter Sieger und Juan Belda Becerra, der Präsident von SOS KInderdorf Spanien, bei der Gala zum 25-jährigen Bestehen der Organisation

Nils Peter Sieger und Juan Belda Becerra, der Präsident von SOS Kinderdorf Spanien, bei der Gala zum 25-jährigen Bestehen der Organisation

Zu diesem Zeitpunkt (1989-1990), war Herr Dr. Schellenberg, Österreichischer Botschafter in Madrid. Durch seine Kontakte, erlangte er für Hermann Gmeiner, Frau Monserrat de Julia und mich, eine Audienz bei König Juan Carlos.

Der Termin war bestätigt und wir flogen einen Tag zuvor in Madrid ein. —. Es war ein äußerst warmer Tag. Wir kamen spät in unserem Hotel in Madrid an.

Am darauf folgenden Morgen — Hermann Gmeiner war etwas angespant — fragte er mich Dinge wie: “ Wo sind wir?“, “ Welche Währung benützt man hier?“. Ich antwortete ihm: “Hermann um 10 Uhr kommt der Wagen des Botschafters und um 11 Uhr beginnt die Audienz beim König Juan Carlos in der Zarzuela.“ — Und versuchte ihn etwas zu beruhigen.

Der Wagen des Botschafters fuhr pünktlich vor und die Audienz begann um 11 Uhr wie vereinbart.

Sie begann mit einer Presentation des Botschafters Schellenberg, in der er Frau Monserat de Julia, Herman Gmeiner und mich als auch die Grundlineien des SOS Kinderdorf-Vereins vorstellte. (Fotos dieser Audienz befinden sich im Büro Juan Beldas).

Dann übernahm Hermann Gmeiner das Wort. — Ich erinnere mich noch sehr gut daran wie Hermann sich zu mir umdrehte und sagte:

Nils, sage dem «Bub» doch bitte folgendes Ich überstetze und König Juan Carlos hörte aufmerksam zu.— Dann Antwortete König Juan Carlos ebenfalls in Deutsch: “Nils und jetzt sage doch Du dem «Bub» bitte folgendes (…)“. — Alle lachten und das Eis war gebrochen.

Daraufhin begann unsere ExF5osition der Idee der Gründung einer Dachorganisation der SOS Kinderdörfer in Spanien. — Ein Representant des spanischen Sozial-Ministeriums, erwähnte daruf, d~ß es im Büro Adolfo Suarez, eine sehr kompetenten Juristen, Namens Juan Belda gäbe, der uns bei der Erstellung der Statuten behilflich sein könnte.

Der König stellte uns dann seinen Sohn, Prinz Filipe, als Ehrenpresident zur Verfügung. Eine große Ehre für unseren spanischen SOS-KD Verein.

Nach Abreise Hermann Gmeiners und Moserrat de Julia, begab ich mich in Adolto Suarez‘ Büro in Miguel Angel nr.14 und lernte den freundlichen Anwalt Juan Belda, Familienvater von vier Töchtern und seine Frau Sonja, kennen.

Genau zu diesem Zeitpunt, verlor Adolfo Suarez damals die Wiederwahl zum Staatspresidenten an Filipe Gonzales. Das Schadete natürlich dem Büro. Suarez war diverse Kompromisse eingegangen, die er nunmehr hicht erfüllen konnte und verlies das Büro. Juan Belda war also alleine mit all der Arbeit und den Kompromissen des zuvorigen Staatspresidenten, seinem Partner.

Juan war in einer schwierigen Situation. Trozdem nahm er sich meiner, und der Gründung des SOS — KD Dachverbands für Spanien an, ohne zunächst dafür bezahlt zu werden. Doch seine Hilfe an einem in Spanien existierendem Problem: mittellosen bzw. Elternlosen Kindern zu helfen, war es ihm — einem Familienvater — die Mühe wert.

Die Arbeit nahm von Tag zu Täg zu und ich bedrängte ihn ständig mit neuen Ideen für den Bau des Escorial Dorfes. — Damals gab es noch Silveiro Fernandez einen Immobilienmakler, der nebenbei Theologie studierte und der mich jeden Morgen pünktlich um acht Uhr bei Infanta Margarida abholte um mit mir zur Messe zu den Jesuiten zu gehen.

Wir suchten ein geeignetes Grundstück im teuersten Viertel vom Escorial. — So kam es, daß wir uns an Pepe Fernandez, dem damaligen Bürgemeister wandeten. — Silveiro fuhr mich in sein Büro, lies mich dort alleine zurück, weil er es als eine Zumutung empfand, den Bürgermeister um die Schenkung eines Grundstück zu ersuchen.

Mit reichlich Erfahrung aus Venezuela ausgerüstet, unterbreitete ich Pepe den folgenden Vorschlag:

Wenn es ihm gelänge uns das Grundstück zu schenken, könnte er – für Fall bei den nächsten Bügermeisterwahlen nicht wiedergewählt zu werden — sich wieder dem Baugewerbe zuwenden und eventuell die Bausausführung des Kinderdorfes übernehmen. — Er akzeptierte diesen Vorschlag und es gelang ihm, seinen Ortsvorstand von der Idee zu überzeugen.

Pepe organisierte innerhalb der ‘grünen Fläche“ der Gemeinde ein Grundstück von ca. 3 ha, auf der wir später das Dorf bauten.

Als das Kinderdorf in Escorial soweit fertig gebaut war, begann die Auswhl der KD-Mütter. Für diesen Zweck gaben wir Announcen auf, mit dem Tietel „ Madre — una nueva profission“ — mit einem Bild einer Mutter und einem kleinen Kind auf ihrem Arm. Bei über hundert Bewerberinnen bewarb sich auch ein Mann. Pepe Gonzales; er schrieb: “ soj soltero, viuvo, tengo ficha en una Aldea en Catalhuna. Yo tengo una posicion social batante importante e tengo un tractor Honda. ..procuro una mujer, que saiba cozinhar bien e que saiba montar mi tractor e que trate mia criacön de conejos…“. Er hatte die Anzeige falsch verstanden und dachte wir seinen eine Partnervermittlungsinstitut. — Wir haben den älteren Herrn — 78 Jahre — später besucht und ihm eine Stelle als Gärtner in San Filü angeboten, nachdem wir ihm das Missverständniss erklart haften. Sein Brief wurde später von SOS¬Kdi überstezt und als Anekdote im Kinderdorfmagazin veröffentlicht.

Als man das KD in Escoril, das erste des SOS KD Dachverbands in Spanien einweihte, beehrte uns IKH Königin Sofia mit ihrer Anwesenheit. Auf.spanische teilte sie uns damals mit, daß ihr Sohn, Prinz Filipe der Ehrenpresident leider nicht anwesend sein könnte, sie ihn aber vertrete — sie mache also seine „Schularbeiten“, was auf das Verständniss der Anwesenden appelierte . Kleine Selbstverständlichkeiten, unter Familien — so wie auch bei unseren SOS-KD-Familien.

Zurück nach Tibidabo und San Filiu, den breits existierenden SOS¬KD in Catalunien. Ausgerüstet mit allen Vollmachten, reiste ich zum ersten Male von Madrid nach Barcelona, um mir die Dörfer Tibidabo und San Filu anzusehen und die Vorstandsmitglieder kennenzulernen.

Pepe Penha, erwartete mich am Flughafen. Er war von Beruf Büro¬Möbel Verkäufer in der Firma seines Vaters. Nebenbei war er freiwilliger Helfer bei SOS Kinderdorf. Er hatte ein gutes Verhältniss zu den Kinderdorf-Müftern. Das machte ihn mir besonders symphatisch. So fuhren wir zuerst nach Tibidabo, daß wirklich alles andere als ein Hermann Gmeiner SOS Kinderdorf war, sondern vielmehr eine umgebaute Familienstätte, in der Kinder und Jugendliche gemeinsam untergekommen waren. Anschliesend fuhren wir bei ströhmenden Regen eine unbefestigte Straße hinunter in das Dorf San FiIu de Condinas, welches zur Gemeinde Sabadell gehört. Ich muß hinzufügen, dass ich erstmals von Sabidell hörte als meine Mutter mir erzählte, daß mein Vater dort die Nachrricht meiner Geburt per Telegramm erhielt, als er als Metereologe in der Flughafenkaserne von Sabadell in der Legion Condor diente.

Hier lernte ich in einen sehr hübschen aber schwer zugänglichen Teil Spaniens und eine rührende Kinderdorf-Familie dessen Mutter Rosa Oberhaupt war, kennen. Ein Großteil ihrer Kinder waren und sind geistig behindert. Es waren noch sechs weitere SOS KD – Familien im Dorf.

Ich hatte eine Wut im Bauch, denn jedesmal wenn ich an die vornehmen Vorstandsmitglieder in Barcelona dachte, für die ich sogar Kravatte anlegen mußte — und diese mit dem hier existierenden Bedingungen vergleichte.

Ich kann mich erinnern, das sich Herr Xavier Borilho damals unter den Anwesenden des Vorstands befand. Es war äußerst beschämend, als ich nach der exakten Lokalisierung des Dorfes San Filu fragte und mir niemand außer Pepe, Auskunft geben konnte, weil sie noch niemals dort gewesen waren. — Diesen Herrschaften war nicht bewußt in welchem Zustand Mutter Rosa und ihre Kinder lebten.

Die Notwendigkeit eines Dachverbands wurde auch mir erst damals so richtig bewußt. Gott sei Dank konnte ich Juan damals überreden sich als President des Dachverbands zu arrangieren.

Nach dem ersten Aufbaujahr flogen Juan und ich flogen nach Imst, um ihn (Juan) Hermann Gmeiner vorzustellen.

Als wir Nachts in lmst ankamen, fuhren wir mit dem Taxi hinauf ins Kinderdorf. Auf dem Wege entdeckte Juan ein beleuchtetes Haus — das Rathaus. Er erzählte mir dass, er vor vielen Jahren, als er noch Leiter des Viehzucht Verbands Andaluziens war, genau in diesem Gebäude für den Ankauf von jedem österreichischen Rind einen Schnaps hätte trinken müssen. — Eine äußerst amüsante Geschichte; und welch ein Zufall, oder etwa Fügung — nach so vielen Jahren hier noch einmal vorbei zu kommen.

Am Morgen darauf trafen wir uns mit Hermari Gmeiner in seinem bescheidenen Arbeitszimmer, um uns auszutauschen. Eine Kinderdorf-Mutter machte uns Frühstück und wir sprachen über den Dachverband in Madrid. Zum Abschied, sagte Hermann zu Juan: ‘Wenn Du einmal 100.000 Mitglieder hast, sehen wir uns wieder!“

Heute, gut 20 Jahre nach dem geschilderten, ist es soweit. — Doch leider ist Hermann in der Zwischenzeit verstorben und Juan ist President des spanischen Kinderdorf Vereins. Er hat weitere sechs Dörfer errichtet denen der Herman Gmeiner Fond nicht mehr helfen muß. Spanien ist heute ein “blühendes Kinderdorf-Land“. Mit ca. 100.000 eigenen Mitgliedern.

Juan Belda war in er Anfangsphase wirklich sehr gefordert und die Arbeit stieg ihm über den Kopf. Nicht nur, daß er seinen Partner in der Kanzlei verlor, der ihn mit vielen Problemen alleine lies, sonderen auch der breits funktionierende Verein mit einem viel zu vornehmen Vorstand, der ihn (Juan) manchmal zu häftig kritisierte — obwohl er es doch nur gut meinte.

Einmal wurde es selbst mir zuviel, als man ihm diverse Dinge vorwarf, so das ich aufstand und als offizieller Vertreter von SOS KD sagte das Juan ‚fähig“ ist.

Ich weiß nämlich genau, daß in der Zarzuela damals im Beisein des IKH gesagt wurde „ Juan es capable“ — sagte der König selbst. Ich war so wütend darüber, daß man ihn andauernd kritisierte, dass ich vergaß was das spanische Wort für fähig ist und so übersetzte ich es frei aus dem portugiesischen, obwohl es im spanischen einen ganz anderen Sinn hat. Alle Anwesenden mußten damals lachen.

Juan zitiert noch heute oft gerne diesen Satz; von Nils — seinem deutschen Freund.

Eine der wichtigen Personen die es verdient genannt zu werden, ist Prinzessin Sophia von Habsburg. Wir lernten sie kennen, als wir in Marbella eine Promotionsveranstaltung auf der Caralela EVERI gaben. Sie erschien mit ihrem damaligen Freund Philipp Junot — frisch geschieden von Prinzessin Caroline von Monaco.

Beide setzten sich damals für uns ein und Sophia zog sogar nach Madrid um in unserem Büro die „Kinderdorfidee“ zu fördern. Sophia lebt heute in Rom. Wir haben ihr viel zu verdanken!

Wahrscheinlich war auch sie der Grund, weshalb sich uns damals ein Freund Juan Beldas, Frederico Major Zaragoza, anschloss — der später President der UNESCO Paris wurde und der heute noch Mitglied des Consejo Ascesor ist.

Eine andere Geschichte im spanischen SOS-KD Dachverband war unsere Galeon EVERI — die Replika einer spanischen Caravela. Sie bereitete uns viel Spass, aber auch Arger.

In jedem Hafen in dem wir anlegten, erregten wir Aufsehen, so dass wir die 505 KD – Organisation gut promovierten. Um mehr Informationsmaterial unter die Bevölkerung zu bringen, waren wir mit Postern und Broschüren ~n Bord, wo man uns besuchen und mehr über die Kinderdörfer erfahren konnte.

Als das Schiff dann später erst in Cartagena und dannach nochmals in Sevilha versank, beendeten wir die Werbereise mit der Kolumbus Caravela, über die sehr viel in allen spanischen und auch internationalen Medien berichtet wurde.

20 Jahre später:

Dank Juan Belda und dem König Juan Carlos, durch den wir diesen hervorragenden Presidenten haben kennenlernen dürfen, haben wir es geschafft, einen gut gehenden Dachverband zu bilden und den Namen “Aldeas SOS“ als bekanntgewordenes Markenzeichen für Hilfe an elternlose Kinder und Jugendliche in Spanien zu bestätigen.

Monserrat de Julia hat sich später in den Dachverband integriet und Tibidado aufgelöst.

Die lehmige Strasse nach San FiIu, in dem die großartige Mutter Rosa ihre Kinder aufzog, wird endlich asphaltiert.

Xavier Borilho ist Vize-President und leitet das Projekt in Catalunien.

Ich erhielt nach all den Aufbauarbeiten in Spanien und nach 15 Jahren Arbeit in Portugal und Latein America, die höchste Auszeichnung, vom deutschen Bundespresidenten selbst: das Bundesverdienstkreuz — mit der Laudation ich häfte zum Guten Ruf der Bundesrepublik im Ausland beigetragen.

Das war ein sehr schönes Geschenk und vor allem einen Anerkennung meiner Bemühungen.

Gerade deshalb habe ich eine sehr herzliche Verbindung zu unserem spanischen Dachverband — der auch heute noch immer mit meiner Hilfe rechnen kann.

Nils Peter Sieger

Der Artikel für Sie zum Download: Erinnerungen SOS KInderdorf Spanien Gründung von Nils Peter Sieger (pdf)

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